Bewusst konsumieren

Schritt für Schritt

Von Michael Gneuss und Katharina Lehmann · 2020

Gesund, natürlich und gut für die Umwelt sollen unsere Nahrungsmittel sein. Oft ist jedoch genau das Gegenteil der Fall. Pestizide, hoher Wasser- und Flächenverbrauch und massive CO2-Emissionen schaden nicht nur der Umwelt, auch die Artenvielfalt sinkt kontinuierlich. Aber nicht nur die Lebensmittelindustrie braucht ein Umdenken. Alle Branchen müssen sich nachhaltiger aufstellen. Helfen kann auch jeder Einzelne – indem er seine Konsum­entscheidungen Schritt für Schritt überdenkt.

Frau auf einem Obst- und Gemüsemarkt.
Frische und unverarbeitete Lebensmittel - für den Planeten und die Gesundheit. Foto: iStock / boggy22

Die Deutschen lieben ihr Fleisch. Nachhaltig und umweltfreundlich ist das jedoch meist nicht. Denn die Fleischproduktion gilt als besonders energie- und ressourcenintensiv: So werden heute zum Beispiel auf 60 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche in Deutschland Futtermittel für Rinder, Schweine und andere Tiere hergestellt. Zudem entstehen bei der Fleischproduktion Treibhausgase. So führt jedes Kilo konventionell erzeugten und tiefgekühlten Steaks nach Berechnungen des Freiburger Öko-Instituts zu Treibhausgasemissionen von mehr als 14 Kilogramm – verursacht durch die energieintensive Aufbewahrungsform und weil Wiederkäuer bei der Verdauung viel Methan erzeugen. Aber auch Fleisch von Nicht-Wiederkäuern wie Schwein oder Geflügel belastet die Umwelt mit etwa 3,5 Kilogramm Treibhausgasen. Frisches Öko-Gemüse weist nach Angaben des Freiburger Instituts mit einem CO2-Äquivalent von 130 Gramm pro Kilogramm die günstigste Klimabilanz auf. Und die mit der Massentierhaltung ins Grundwasser gelangenden Nitrate, Antibiotika sowie dem in die Luft abgegebenen Ammoniak steigt die Feinstaubbelastung weiter an. Gleichzeitig schädigt die Nahrungsmittelproduktion aber nicht nur die Umwelt, sondern fördert auch den Hunger in der Welt. Denn Mais, Soja und Weizen, die als Futtermittel im Trog europäischer Rinder landen, kommen nicht auf die Teller der Menschen in Entwicklungsländern – und lassen die Preise für Grundnahrungsmittel weiter steigen.

Mit gutem Gewissen genießen

Aufgrund des Energie- und Ressourcenbedarfs, des Einflusses auf die biologische Vielfalt, des Verbrauchs von Süßwasser sowie der Boden- und Wasserverschmutzung belastet die industrielle Nahrungsmittelproduktion die Umwelt. Doch was können wir ohne schlechtes Gewissen eigentlich noch essen? Grundsätzlich gilt: Längst nicht alle Lebensmittel fördern Hunger, Unrecht und Umweltzerstörung – Schuld sind vor allem nicht nachhaltig produzierte Nahrungsmittel. Natürlich produziertes Obst, Gemüse und Getreide, regional und saisonal ausgewählt und nach Bio-Kriterien angebaut, nachhaltig gefangener Fisch und Erzeugnisse artgerecht gehaltener Tiere, genossen in Maßen statt in Massen, belasten den Planeten und seine Bewohner nicht über Gebühr. Sind diese Lebensmittel dann noch in nachwachsende Rohstoffe oder gar nicht – statt in Plastik – verpackt, umso besser.

Bewusst konsumieren

Doch nicht nur die Lebensmittelindustrie muss auf den Prüfstand. Über alle Industrien hinweg werden Ressourcen knapper. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken, nicht nur in Asien, sind oft katastrophal. Durch ungebremsten Konsum entsteht immer mehr Müll. Ein Umdenken ist unerlässlich.

Das Wichtigste dabei: bewusst konsumieren, genau hinschauen und auf Bio und Fairtrade achten. Das kann auch jeder einzelne im Kleinen umsetzen. „Das Verhalten vieler Menschen macht einen großen Unterschied. Wenn alle denken, selber nichts tun zu können, dann ändert sich auch nichts“, erklärt Katharina Beyerl, Umweltpsychologin am Potsdamer Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung, im Interview mit der Deutschen Presseagentur. Zwar müsse die Gesellschaft auch entsprechende Änderungen der politischen Rahmenbedingungen für mehr Nachhaltigkeit in Industrie und Wirtschaft einfordern. Gleichzeitig könne aber auch jeder einzelne etwas tun, um sein Verhalten individuell nachhaltiger zu gestalten. „Einerseits ist es schon sinnvoll, sich zu überlegen, wie man auf vielen Ebenen nachhaltig agieren kann. Anderseits ist konsequent nachhaltiges Verhalten in unserer Gesellschaft wahnsinnig schwer“, weiß Beyerl. Denn wir alle wollten ein sicheres, komfortables Leben für uns und unsere Lieben, ohne dabei der Umwelt oder anderen Lebewesen zu schaden. „Aber genau das tun wir, weil unsere Entscheidungen nicht nur für uns selbst Konsequenzen haben. Was wir essen oder anziehen, wo unser Strom herkommt, wie wir Geld investieren – alles hat Auswirkungen auf andere und auf unsere Umwelt. Man kann das gar nicht alles immer zur selben Zeit auf dem Schirm haben.“

Wichtig ist für Beyerl dabei auch der Vorbild-Charakter, den jeder Einzelne hat. „Wenn Sie am Arbeitsplatz einen Kollegen haben, der einen Mehrweg-Becher nutzt, und der dann vielleicht noch mit anderen darüber redet, was das für Vorteile hat, dann kann das andere Kollegen überzeugen.“ Diese Überzeugten übernehmen dann wieder zwei oder drei Menschen mit – so verändere sich die soziale Norm. „Menschen handeln oft so, wie sie glauben, dass andere es erwarten. Wenn ich weiß, dass alle komisch gucken, wenn ich mit einem Einweg-Kaffeebecher anrücke, dann lasse ich das lieber.“ Dieser Mechanismus lasse sich auch auf andere Themen, zum Beispiel auf Reisen oder Mobilität übertragen. So kann jeder Einzelne mit einer kleinen Verschiebung der sozialen Norm dazu beitragen, die Gesellschaft ein kleines bisschen nachhaltiger zu machen.

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